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Thingstätte Heidelberg: Geschichte & Besuch

Die Thingstätte auf dem Heiligenberg ist ein NS-Freilichttheater von 1935, heute frei zugängliches Kulturdenkmal. Geschichte, Walpurgis-Verbot, Anfahrt.

von Heidelberg-Interaktiv ·

Die Thingstätte ist ein Freilichttheater auf dem Heiligenberg im Norden Heidelbergs, das der Reichsarbeitsdienst und Heidelberger Studenten 1934 und 1935 für Propagandaveranstaltungen der Nationalsozialisten errichteten. Joseph Goebbels eröffnete es am 22. Juni 1935. Heute ist die Anlage ein Kulturdenkmal, das Sie jederzeit kostenlos besuchen können, sie ist weder eingezäunt noch beleuchtet.

KurzfaktenStand Oktober 2026
LageHeiligenberg, Stadtteil Handschuhsheim, nördlich des Neckars
Bauzeit1934 bis 1935
Eröffnung22. Juni 1935 durch Propagandaminister Joseph Goebbels
ArchitektHermann Alker, Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe
Anlage56 Zuschauerreihen nach dem Vorbild antiker griechischer Theater
Eintrittfrei, ganzjährig zugänglich, keine Beleuchtung, keine Einrichtungen vor Ort
ParkenWaldparkplatz Waldschenke (etwa 20 Plätze) und Waldparkplatz Heiligenberg (etwa 70 Plätze), Zufahrt über den Chaisenweg
WalpurgisnachtBetretungsverbot jedes Jahr vom 30. April, 16 Uhr, bis 1. Mai, 6 Uhr
In der NäheKlosterruinen St. Michael und St. Stephan, Heiligenbergturm, Heidenloch

Geschichte der Thingstätte

Die Thingbewegung

Thingstätten waren ein Bauprogramm der Nationalsozialisten. Laut der Geschichtsdarstellung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) planten die Landesstellen des Reichspropagandaministeriums sie ab 1934 als Versammlungsorte für Massenveranstaltungen, mit denen die “Volksgemeinschaft” im Sinne des Regimes gestärkt werden sollte. Zuständig war der 1933 gegründete Reichsbund der Deutschen Freilicht- und Volksschauspiele, der direkt Joseph Goebbels unterstand. Geplant waren etwa 400 Thingstätten, für 60 bis 70 gab es konkretere Entwürfe, gebaut wurden noch weniger. Zu den verwirklichten gehören die Waldbühne auf dem Berliner Olympiagelände und die Anlage auf dem Heiligenberg.

Bau 1934 und 1935

Die Stadt Heidelberg beschreibt die Thingstätte als Beispiel nationalsozialistischer Architektur und als Freilichtbühne nach dem Vorbild antiker griechischer Theater. Gebaut wurde sie von 1934 bis 1935 vom Reichsarbeitsdienst und von Heidelberger Studenten. Entwurf und Ausführung gehen laut KIT auf den Architekten Hermann Alker (1885 bis 1967) zurück, Professor für Architektur an der Technischen Hochschule Karlsruhe.

Der Standort war bewusst gewählt: Der Ort sollte angeblich ein germanischer Kultplatz sein und bediente damit, so die Stadt, die nationalsozialistische Blut-und-Boden-Mystik. Die Stadt spricht ausdrücklich von einem angeblichen Kultplatz. Belegt sind auf dem Heiligenberg dagegen keltische Ringwälle und römische Funde (siehe unten).

Die Anlage hat 56 Zuschauerreihen, die laut Stadt auf einer Länge von 25 Metern schräg ansteigen. Die Historikerin Stefanie Samida von der Universität Heidelberg gibt in einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung etwa 8.000 Sitz- und über 20.000 Stehplätze an.

Die Eröffnung am 22. Juni 1935

Propagandaminister Joseph Goebbels eröffnete die Anlage am 22. Juni 1935 mit einer Sonnwendfeier. Laut Stadt fanden bei der Eröffnung 20.000 Menschen Platz. Neben Goebbels sprach der damalige Heidelberger Oberbürgermeister Carl Neinhaus, wie Unterrichtsmaterialien der Heidelberg School of Education von Ralph Höger und Stefanie Samida dokumentieren, die die zeitgenössische Berichterstattung auswerten. In seiner Weiherede nannte Goebbels die Thingstätte “steingewordenen Nationalsozialismus”, zitiert nach der Zeitung “Die Volksgemeinschaft” vom 24. Juni 1935, wie Samida belegt.

Nutzung bis 1945

Die Bühne sollte vor allem für Propagandaveranstaltungen genutzt werden. Doch schon bald verloren die Nationalsozialisten das Interesse an der Anlage, schreibt die Stadt. Während des Zweiten Weltkriegs blieb die Thingstätte weitgehend ungenutzt.

Nach 1945

In den späten 1940er und frühen 1950er Jahren diskutierten Stadtverwaltung und Öffentlichkeit laut Samida intensiv über eine neue Nutzung, ohne zu entscheiden. Man sorgte lediglich dafür, dass die Anlage nicht verwilderte. In den 1980er Jahren beschloss der Gemeinderat ein Nutzungskonzept mit vier angemeldeten Großveranstaltungen pro Jahr. Heute steht die Anlage unter Denkmalschutz. Sie gehört laut Samida zu den besonders gut erhaltenen NS-Ruinen und bildet mit dem eisenzeitlichen Ringwall und den beiden mittelalterlichen Klosteranlagen auf dem Heiligenberg ein Ensemble. Informationen am Ort selbst sind spärlich: Die Tafel nennt nach Samidas Untersuchung nur Baujahr, Bauherr und Zweck, und das nur auf Deutsch.

Die Thingstätte heute: Besuch

Die Thingstätte ist laut Stadt frei zugänglich für Touristinnen, Wanderer und Waldspaziergänger. Es gibt keine baulichen Einrichtungen, keinen Zaun und keine Beleuchtung. Sie können die Ränge hinaufsteigen, sich setzen und von der Bühne aus die Akustik ausprobieren.

Praktische Hinweise:

  • Tageslicht: Ohne Beleuchtung und mit vielen Stufen ist das Gelände nach Einbruch der Dunkelheit gefährlich. Die Stadt nennt das Areal unübersichtlich mit “unzähligen Sturzfallen”.
  • Feuer: Die Stadt nennt unkontrollierte Feuerstellen als eines der größten Risiken am Ort. 2017 brannte in der Walpurgisnacht ein Waldbiotop, 50 Feuerwehrleute mussten löschen.
  • Schuhe: Die Stufen sind aus Stein und bei Nässe glatt.
  • Einkehr: An der Anlage selbst gibt es nichts. In der Nähe liegt die Waldschenke am gleichnamigen Waldparkplatz.

Walpurgisnacht auf der Thingstätte: Verbot seit 2018

Von Anfang der 1990er Jahre bis 2017 trafen sich in der Nacht zum 1. Mai immer mehr Menschen auf der Thingstätte. Was laut Stadt als Lagerfeuer weniger Leute begann, wuchs über Mundpropaganda und soziale Netzwerke auf bis zu 15.000 Besucherinnen und Besucher, ohne offiziellen Veranstalter und ohne Sicherheitskonzept.

2017 stürzte ein junger Mann im Dunkeln einen Abhang hinunter und wurde schwer verletzt, außerdem brach ein Waldbrand aus. Eine Gefährdungsbeurteilung der Firma Event Consult Europa im Auftrag der Stadt stellte in 23 Kategorien 17 Mal die höchste Risikostufe fest. Kritisch waren vor allem der fehlende Veranstalter, unkontrollierte Feuerstellen im Wald, die vielen Sturzstellen und das Fehlen von Rettungs- und Fluchtwegen. Die Stadt ist Eigentümerin der Thingstätte und als Ortspolizeibehörde für die Sicherheit zuständig. Seit 2018 untersagt sie die sogenannte Walpurgisnachtfeier.

So sieht die Regelung jedes Jahr aus, zuletzt bestätigt für 2026:

RegelInhalt laut Stadt Heidelberg
Betretungsverbot30. April, 16 Uhr, bis 1. Mai, 6 Uhr
Absperrungdie Anlage wird baulich gegen Betreten gesichert
Folgenwer die Thingstätte betritt, begeht Hausfriedensbruch nach Paragraf 123 Strafgesetzbuch, die Stadt erstattet konsequent Anzeige
Parkplatz hinter der Waldschenkenur für Einsatzfahrzeuge von Kommunalem Ordnungsdienst, Polizei und Sicherheitspartnern
Zufahrt Chaisenweg, Ecke Waldweg (Handschuhsheim)ab 30. April, 18 Uhr, mit Schranke gesperrt (Zeit für 2026)
KontrolleKommunaler Ordnungsdienst, Polizeipräsidium Mannheim, THW und privater Sicherheitsdienst, das Forstamt überwacht die Waldwege

Aktuelle Hinweise veröffentlicht die Stadt jedes Jahr im April unter heidelberg.de/walpurgisnacht.

Veranstaltungen auf der Thingstätte

Viele suchen nach Konzerten oder Events auf der Thingstätte. Stand Oktober 2026 gibt es dort kein regelmäßiges Programm. Die Anlage hat keine Infrastruktur für Veranstaltungen, und bei unserer Prüfung fanden wir weder bei der Stadt noch bei Veranstaltern eine angekündigte Veranstaltung für 2026 oder 2027. Das Nutzungskonzept der 1980er Jahre sah angemeldete Großveranstaltungen vor, die Walpurgisfeier hatte dagegen laut Stadt nie einen offiziellen Veranstalter. Falls künftig wieder etwas stattfindet, kündigen Stadt und Veranstalter es auf ihren Seiten an.

Anfahrt zur Thingstätte

Mit dem Auto: Der offizielle Zufahrtsweg zur Thingstätte führt laut Stadt über den Chaisenweg ab der Ecke Waldweg in Handschuhsheim. Oben gibt es zwei Waldparkplätze:

ParkplatzLage und Größe laut Stadt
Waldparkplatz Waldschenkeim Bereich der Waldschenke am Zugang zur Thingstätte, etwa 20 Plätze, mit Bushaltestelle
Waldparkplatz Heiligenbergzwischen Stephanskloster und Waldschenke, über den Chaisenweg, etwa 70 Plätze, Sandbelag

Der Parkplatz Waldschenke liegt laut Stadt direkt am Zugang zur Thingstätte.

Zu Fuß: Von Neuenheim aus gehen Sie über den Philosophenweg und weiter durch den Wald hinauf auf den Heiligenberg, von Handschuhsheim aus über den Chaisenweg. Eine Route, die Philosophenweg, Heiligenberg, Thingstätte und Michaelskloster als Rundweg verbindet, beschreibt unser Beitrag zum Rundweg über den Philosophenweg. Grundinfos zum Aufstieg vom Neckar finden Sie auf unserer Seite zum Philosophenweg.

Mit dem Bus: Am Waldparkplatz Waldschenke gibt es laut Stadt eine Bushaltestelle. Welche Linie dort hält und wie oft, prüfen Sie vorab in der VRN-Fahrplanauskunft.

Der Heiligenberg: Klöster, Turm und Heidenloch

Die Thingstätte liegt mitten in einer der ältesten Kulturlandschaften der Stadt. Der Heiligenberg ist laut Stadt 440 Meter hoch und diente Kelten und Römern als Kultstätte. Zwei Ringwälle aus der Zeit vor Christi Geburt sind erhalten, ebenso römische Steinfragmente mit Weiheinschriften.

  • Michaelskloster: Auf dem Gipfel liegt die Ruine des Klosters St. Michael, das Ende des 9. Jahrhunderts von Benediktinern gegründet wurde. Im 13. Jahrhundert folgten Prämonstratenser, aus dieser Zeit stammt der Name “Allerheiligenberg”, später Heiligenberg.
  • Stephanskloster: Auf der vorderen Bergkuppe gründete Diakon Arnold vom Kloster St. Michael um 1090 eine Klause mit Kapelle, die vier Jahre später zur Propstei erhoben und dem heiligen Stephan geweiht wurde.
  • Heiligenbergturm: 1885 an der Stelle des Stephansklosters aus dessen Trümmern errichtet, 16,5 Meter hoch, mit Blick nach Süden auf Altstadt, Schloss und Königstuhl.
  • Heidenloch: Direkt neben dem Turm liegt ein Felsschacht von etwa 55 Metern Tiefe.

Seit 2011 ist der gesamte Bergrücken Grabungsschutzgebiet. Die Verordnung der Stadt vom 30. Juni 2011 nennt als Kulturdenkmale darin den Aussichtsturm beim Stephanskloster, die Ruinen von Stephans- und Michaelskloster, die Thingstätte, den Schacht Heidenloch, die Freischarenschanze und die vorgeschichtlichen Wallanlagen. Graben ist dort nur mit Genehmigung des Regierungspräsidiums Karlsruhe erlaubt. Mehr zu Wegen und Sehenswürdigkeiten am Berg lesen Sie in unserem Beitrag zum Heiligenberg, zum Stadtteil am Fuß des Berges auf unserer Seite Handschuhsheim.

Häufige Fragen

Was ist die Thingstätte in Heidelberg?

Ein Freilichttheater auf dem Heiligenberg, gebaut 1934 und 1935 vom Reichsarbeitsdienst und Heidelberger Studenten nach dem Vorbild antiker Theater. Die Nationalsozialisten wollten es für Propagandaveranstaltungen nutzen. Heute ist es ein frei zugängliches Kulturdenkmal.

Wann wurde die Thingstätte gebaut?

Gebaut wurde 1934 und 1935 vom Reichsarbeitsdienst und Heidelberger Studenten. Eröffnet hat sie Joseph Goebbels am 22. Juni 1935 mit einer Sonnwendfeier.

Kostet die Thingstätte Eintritt?

Nein. Die Anlage ist frei zugänglich, nicht eingezäunt und ohne Öffnungszeiten. Gesperrt ist sie jedes Jahr nur in der Walpurgisnacht vom 30. April, 16 Uhr, bis 1. Mai, 6 Uhr.

Wo parkt man für die Thingstätte?

Am Waldparkplatz Waldschenke direkt am Zugang (etwa 20 Plätze) oder am größeren Waldparkplatz Heiligenberg zwischen Stephanskloster und Waldschenke (etwa 70 Plätze). Beide erreichen Sie über den Chaisenweg aus Handschuhsheim.

Gibt es Veranstaltungen auf der Thingstätte?

Stand Oktober 2026 gibt es kein regelmäßiges Programm und keine angekündigte Veranstaltung. Die Walpurgisnachtfeier ist seit 2018 verboten.

Darf man in der Walpurgisnacht auf die Thingstätte?

Nein. Vom 30. April, 16 Uhr, bis 1. Mai, 6 Uhr, gilt ein Betretungsverbot. Wer die abgesperrte Anlage trotzdem betritt, macht sich laut Stadt wegen Hausfriedensbruchs strafbar und wird angezeigt.

Quellen

Stand der Angaben: 12. Oktober 2026.